Im Kulturverein zeigt Oliver Voigt Bilder von Formungsversuchen und Machtmissbrauch
Die Ausstellung mit dem Titel „Masken“ ist wieder eine der für den Kulturverein typischen Ausstellungen, deren Exponate dem Betrachter den Unterschied zwischen dekorativ-deskriptiv „aufhäng- und vorzeigbarer“ Malerei und Kunst vor Augen führen. Wo handwerkliche Perfektion wie selbstverständlich dem Ideentransport und der Aussagekraft zur Verfügung steht, keimt die Ästhetik, die die Künstlerpersönlichkeit zur Reifung bringt. Die Auswahl der Ergebnisse fruchtbarer Schaffensprozesse, die Oliver Voigt zeigt, berührt tief. Diese Bilder gehen jedem unter die Haut – so muss Kunst wirken: "art-h-art".


„Das bin nicht ich!“ Ein albtraumatischer Moment des Entdeckens: da ist etwas, das nicht zu mir gehört, mich trotzdem beherrscht. Wo Macht wirkt, muss es aber auch den geben, der machen lässt. Unheimliche Selbstbefremdung und Bedrohungsqual erwachsen daraus. Aus den weit aufgerissenen Augen der Personen gellt ein stummer Schrei – der Augenblick der Wahrnehmung, der die Nervenbahnen freigibt zur Schmerzempfindung. Der Sekundenbruchteil, der über ein Weiterleben entscheiden wird: Flucht oder Verteidigung, das Ur-Schema menschlichen Umgangs mit Gefahr. Gegenwehr als Kämpfer oder Aufgabe als Opfer. Was würde das nächste Bild zeigen, gäbe es zu jedem Trauma-Tableau eine Fortsetzung? Doch Oliver Voigt belässt es beim Fixieren des Kulminationspunktes. Es sollen auch keine Geschichten erzählt werden, es geht um das Prinzip: Gewalt, Machtmissbrauch, Deformationsversuche an Leib und Seele. In der Zusammenstellung der im Kulturverein gezeigten Werke erkennt der Betrachter gut die eigene Ikonographie. Voigt verzichtet auf die Darstellung zu konkreter Szenen. Das Machtausübende bleibt diffus, nebelhaft, schleierartig, etwas bindendes, einengendes. Es hat keinen Namen, aber ein Markenzeichen der menschenverachtenden Gewalt und des unterwerfungswilligen Zwanges. Wie ein Etikett taucht ein eckig-stilisierter Mund mit zähnezeigendem Lachen auf . Es hat keinen Namen, aber ein Symbol. So wie sich auch in einer Maske bestimmte Eigenschaften und Charakterzüge kondensieren, steht dieses Zeichen für viel mehr. Es sticht schon optisch von der Gestaltung der übrigen Fläche deutlich ab als eindringender Fremdkörper. Von gleicher beunruhigender Faszination sind die Bilder, in denen Voigt die Perspektive zur Verdeutlichung der Machtverhältnisse nutzt. Wo eine Fußsohle zwei Drittel der Bildfläche einnimmt, fühlt der Betrachter sich unangenehm selbst in den Blickwinkel des Getretenen versetzt.
Das Thema der zwanghaften Macht hat Oliver Voigt gepackt und nicht wieder losgelassen. Als Initialbilder kann man die Gasmasken-Trilogie auffassen. Das Nicht-Gewollte wird dem Menschen aufgestülpt. Doch auch durch „harte Geschichten“ aus der Realität speist sich seine bildgebende Quelle. Scharf am Rande der Unvorstellbarkeit, wenn ein Mann durch heimliche Vergiftung die Schönheit seiner Partnerin zerstört, um sie an sich zu binden. Oliver Voigt ist jedoch weit entfernt davon, sich als Blutrünstiger und Schauerlüstling zu profilieren. Auch gothikartige Todes-Tändelei ist keine Zuordnung, die er für sich gelten lassen könnte – abgesehen davon, dass Künstlerindividuen nie in Schubladen passen. Aufgrund seiner profunden künstlerischen Ausbildung durch ein Kunststudium zum Gebrauchsgrafiker steht er doch einer Bewegung näher: „Lowbrow“ heißt die Strömung, die sich aus der Graffiti-Szene entwickelt hat und reale mit surrealen Elementen mischt. Auch ohne solche Einordnung liegt der künstlerische Wert offen zutage. Dennoch war Oliver Voigt auch auf dem Kunstwirtschaftsmarkt als Sieger des weltweiten „Showdown“ der berühmtesten Internetplattform erfolgreich – was letztlich zu einem beachtlichen Verkaufserfolg führte. Gute Kunst macht ihren Weg und Griesheim freut sich, dass sie hier zu Hause ist.
(Griesheimer Anzeiger vom 17. August 2011, Autor: pem-petra emmerich)
